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Die schlesischen Weber und Die Flexibilisierung der Arbeit

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
   Wir weben, wir weben!

So die erste Strophe des Heine Gedichts "Die schlesischen Weber" von 1844. Es beschreibt die Situation der gesellschaftlichen Leistungserbringer vor einer großen Revolution in Deutschland (Märzrevolution 1848).
Der Verlust von Absatzmärkten, die Zunahme des Wettbewerbes, der Ausfall binnenländischer Nachfrage, die fortschreitende Industrialisierung mit ihren Billigprodukten verschärften die Situation. Die an die Weber gezahlten Löhne sanken kontinuierlich. Die Verleger [Auftraggeber] trachteten nach Profitmaximierung bzw. deren Erhaltung, die letztlich durch niedrige Produktionskosten erreicht werden sollte.

Die wirtschaftliche Situation der Weber war zum Ende des 18. Jahrhunderts katastrophal, vor allem weil sie nur teilweise in bar entlohnt wurden,  die Hälfte des Warenwertes mi…

"Schöne Neue Lernkultur"

Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer von Institut für Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gibt uns einen Live-Bericht zur Manifestation einer Neuen [Lehr- und] Lernkultur, die in den Köpfen blindgläubiger "Bildungsreformer" wie ein bösartiger Tumor wächst und von den eifrigen Predigern des Lernen 4.0 wie ein päpstlicher Ablass unter die Leute gebracht wird.

"Eine Studienanfängerin gibt die erste Stunde in ihrem Einführungspraktikum. Sie legt eine Folie als stummen Impuls auf und wartet die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler ab, bis die gewünschte Antwort kommt, die darin besteht, das Stundenthema zu erraten. Nach einer kurzen Erläuterung verteilt die Praktikantin diverse Arbeitsblätter mit dem Hinweis, die Schülerinnen und Schüler „dürften“ die Materialien allein bearbeiten, bei Schwierigkeiten sollten sie sich zunächst an den Nachbarn und danach gegebenenfalls an die Lehrerin wenden. Der überwieg…

Die Kapitalisierung des Geistes (Teil III)

Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.

So beginnt das Sechste Kapitel von Michael Ende "MOMO und die Grauen Herren".

Ein jüdisches Sprichwort aus einer Zeit, als die Tauschwirtschaft primär gegenüber der Geldwirtschaft auftrat und Geld noch ein Äquivalent produzierter Ware war, besagte: „Die Zeit ist ein kostbares Gut; man kann sie für Geld nicht kaufen.“. Vergleichbar mit der Luft zum Atmen oder dem Sonnenlicht für das Leben.
Jedoch trug dieses Sprichwort in sich schon die Möglichkeit der Verwertung und damit des Kauf und Verkauf von Zeit. Als „kostbares Gut“ wird die Zeit benannt. Und wenig später wird man erkennen, dass es sich um ein sogenanntes „knappes Gut“ handelt. Diese wiederum stellen Wirtschaftsgüter dar. Zeit ist ein Wirtschaftsgut.

Spätesten…

Die Kapitalisierung des Geistes (Teil II)

Manch Neuzeit-Propheten postulieren für heute das Ende des Zeitalters der Industrialisierung.
Das jedoch die Industrie selbst von einer "vierten industriellen Revolution" spricht, scheint ihnen dabei entgangen zu sein. Man ruft ein neues, ein "Informationszeitalter" aus, stellt traditionelle Denkweisen als ausgetretene Pfade an den Pranger und verknüpft dies (wieder einmal) mit Forderungen nach umfassenden Reformen in der Bildungslandschaft.

So kurz vor dem 500. Jahrestag der Reformation, Kritik an Reformen zu üben, hat den Geruch von Ketzerei an sich. Besonders, wenn es um Reformen im Bildungsbereich geht. Nur droht heute dafür nicht ein Ende auf einem brennenden Scheiterhaufen, man droht mit dem Entzug weiterer, künftiger Lehraufträge. Was letzlich auf ein ähnliches Ende des Betroffenen hinausläuft.

Die »Reform« und das »reformieren« sind mittlerweile zu Zauberwörtern geworden, die nahezu alle Felder des sozialen, politischen und kulturellen Lebens besetzen. [16…

Die Kapitalisierung des Geistes (Teil I)

Der Beginn einer Streitschrift für "Freiheit und Einsamkeit" [Wilhelm v. Humboldt] des Lernenden.

"In der modernen komplexen Arbeitswelt ist Lernen und Weiterbildung zentral, um den Anschluss an neueste Entwicklungen und Veränderungen nicht zu versäumen. Dabei ist die digitale Medien- (und Informations-) Kompetenz heute eine wichtige Voraussetzung für das Lernen und Arbeiten der Zukunft, die weit über den reinen Wissenserwerb hinausgeht."
So die Plattform www.lerncockpit.de, welche uns [Trainer, Träger, Schulen] hilft "die richtige Transformationsstrategie für Ihre [unsere] Bildungsprozesse und Personalentwicklung zu definieren.".

Nach über 25 Jahren Tätigkeit in der Fort- und Weiterbildung  dieses Landes habe ich eine etwas abweichende Einstellung:

Je mehr der Wert des Wissens beschworen wird, desto schneller verliert das Wissen an Wert [9]
Was Moment der Persönlichkeit hätte werden sollen, was Ausdruck des geistigen Gehalts von Bildung war, …

Der Rasenmähermann 4.0

Kaum hat mein Avatar die virtuelle Lobby der Online-Universität betreten, springt mir der Learning-Guide-Avatar fast ins Gesicht. Ob ich denn heute auch so gut drauf sei, will er wissen und wie mein selbstgesteuertes Lernen gestern gelaufen ist. Seine Sensoren bemerken natürlich sofort, dass ich nicht gleich reagiere. Um in meinen „Flow“ zu kommen drängt er mir, wie schon Tagen zuvor, ein Memory-Spiel genannt „Magische Wand“ oder "Stadt-Name-Land" mit Begriffen aus meinem Fachbereich auf. 
Ich mache mir derweil Gedanken, ob es denn strafbar sei, wenn ein Avatar den anderen tötet.

Schöne neue „Lernwelten“, die uns von Anbietern der VR-Games und deren Götzendiener unter dem Titel „Lernen 4.0“ verkauft werden. Dabei sollten sich gerade Samsung und Co. an den SF-Klassiker „DerRasenmähermann“ aus dem Jahre 1992 erinnern können. Selbstgesteuertes Lernen mittels unkritischen Zugriff auf zur Verfügung stehende Information in einer virtuellen Welt führte hier zu Allmachtsfantasien …

Bildung ist ein Privileg

Was wäre wohl aus Leonardo da Vinci geworden, wenn er 1470 nicht die Lehre beim Bildhauer und Maler Andrea del Verrocchio begonnen hätte? Wäre dieser geniale Kopf mit gerade mal 18 Jahren in der Lage gewesen, sich das Wissen um die Verkürzung der Gesichtslinien bei der "Taufe Christi" im Selbststudium anzueignen? Vielleicht. Er war schließlich ein Genie.

Am 11. Oktober 2017 eröffnet die Hochschule für Grafik und Kunst in Leipzig eine Ausstellung der Meisterschüler. Fabian Enders, u.a. Dirigent beim Thomanerchor und dem Bachfest in Leipzig verweist darauf, Meisterschüler bei Kurt Masur und Peter Schreier gewesen zu sein. Und für alle Freunde der Hermeneutischen Lehrmethode: Aristoteles war ein Meisterschüler von Platon.
Begeistern uns die Meisterschüler wegen ihren Leistungen in autonomen Lernphasen? Oder sind es doch eher die durch ihre Lehrer vermittelten Fertigkeiten, die uns in den Bann ziehen?

Fürsten, Könige und Kaiser wurden von Privatlehrern ausgebildet und hielten di…