Das Modelabel: "Digitale Transformation"

In den letzten drei Wochen habe ich an einigen Präsenzseminaren und Webinaren teilgenommen, welche man alle unter das Modelabel   "Digitale Transformation" stellen könnte.
Darunter waren vier Seminare von Microsoft zur Microsoft Deutschland Cloud, weitere trugen Titel wie "Neue Lehr- und Lernformen" oder "Von Präsenz zu Blended Learning" und ein anderes den Titel "Workshifting: Die digitale Transformation in der Kommunikation". Ein Anbieter wollte wohl besonders witzig sein und überschrieb sein Seminar mit "MERKwürdige Trainings durch Didaktik-Knowhow & Methodenpower".

Ziel all dieser Seminarveranstalter war es wohl, sich in dem derzeitigen hipe um "digitale Transformation", "Lernen *.0" und/oder "Industrie *.0" [*setzen Sie die Nummer selbst ein], zu Positionieren und Lösungen anzubieten. Insbesondere geht es Anbietern von Bildungsdienstleistungen darum, den Widerspruch zwischen Fachkräftemangel auf der einen Seite und immer weniger Zeit und Geld für Bildung auf der anderen Seite zu lösen.

Ich hatte als Teilnehmer solcher Veranstaltungen jedoch weniger den Eindruck der Existenz eines schlüssigen Konzeptes. Vielmehr vermittelte das Sammelsurium der Vorschläge das Fehlen von Strategie und auch eine gewisse Panik vor zukünftigen Anforderungen.

An dieser Stelle möchte ich einige Äußerungen der SeminarleiterInnen zum Besten geben, die m.E. dieses Bild sehr deutlich werden lassen:
  • "Sie erkennen, dass Sie als Dozenten schon lange Dinge tun, ohne zu wissen, dass sie heute so schöne Namen haben."
  • "Das dabei [beim Erfahrungslernen] Teilnehmer Fehler machen und scheitern, ist Programm."
  • "Früher [zu Zeiten des kognitivistischen Lernens] vermittelten wir als Trainer die objektive Wirklichkeit. Heute ist Wahrheit das, was die Mehrheit glaubt."
  • "Heute wächst Wissen durch digitale Vernetzung exponentiell. Es verändert sich ständig, öffnet neue Durchgänge und verkürzt Wege." [wird hier nicht Wissen mit Information gleichgesetzt?]
  • "Digitale Transformation ist ja nichts Neues. Als kleiner Junge hatte ich auch schon einen Computer. Und der war ja auch schon digital."
  • "Fehler sind doch nur Zeichen, dass man sich mit der Materie beschäftigt hat."
Gerade die hier zuerst genannte Äußerung macht m.E. das Dilemma deutlich. Als innovativ werden Lernformen und -methoden "verkauft", die man aus verschiedenen geschichtlichen Epochen der Pädagogik/Methodik (m.E. unkritisch) zusammenträgt und ihnen einfach neue Namen gibt. Ein Sammelsurium aus Makarenko, Montessori, Bandura, Osborn, Spannagel und vielen anderen. Auch hierfür einige "Kostproben":
  • "Community of Pratice" [früher: "Cliquentreffen zum Schrauben am Mofa"]
  • "Hackaton" [früher: "Brainstorming"]
  • "Flipped Classroom" [früher: "geh in die Bibliothek und lies"]
  • "Lessons Learned" [früher: "Mein schönstes Ferienerlebnis"]
  • "Blog-Parade" [früher: "zeig mir deine Briefmarken"]
  • "Podcast-Learning" [früher: "tausche Beatles-Kassette gegen Pink Floyd"]
Wir tun schon lange Dinge, "... ohne zu wissen, dass sie heute so schöne Namen haben".
Ist das schon alles für Lernen 4.0? Ist das die Umsetzung der "Digitalen Transformation" in der Bildung?

Ich denke, es gibt noch eine ganze Menge zu gestalten, ehe man sich für Erfolge bei der "Digitalen Transformation" feiern lässt. Für alle Interessierten hier noch ein Verweis zu 10 Thesen um Bildung/Lernen 4.0


p.s.: Denken Sie beim Lesen der Wortgruppe "Digitale Transformation" auch immer an den US-Film "TRANSFORMERS"? Da transformieren sich Autos zu menschenähnlichen Wesen. Mich beschleicht manchmal das Gefühl, als wollten wir heute den umgekehrten Weg ausprobieren.

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