An der Cocktailbar der berufl. Weiterbildung

Haben Sie schon einmal in einem Sushi-Restaurant eduScrum`s gegessen, oder ein ausgeflipptes Klassenzimmer gestaltet, oder an Ihrem Auto hermeneutisch Geräusche interpretiert? Nein?

Ich auch nicht. Ich habe heute meine Seminargruppe, nachdem wir uns 20 Tage lang fachtheoretischen Problemen zugewandt haben, in vier Arbeitsgruppen eingeteilt. Habe ihnen fachpraktische Aufgaben mit stetig ansteigendem Niveau zugewiesen, das jeweilige Lehrziel der Aufgaben formuliert und die Teilnehmer aufgefordert, sich in der Arbeitsgruppe gemeinsam den Problemen zu stellen. Als Mentor stand ich der Seminargruppe während der Problemlösung permanent zur Verfügung und habe in Teilabschnitten die Präsentation bisheriger Ergebnisse abgefordert. Das war mein Tag heute. Klassischer, lernfördernder Seminarablauf (old school).

Jetzt werden Sie sich fragen, was denn mein heutiger Tagesablauf mit den oben genannten Fragen zu tun hat. Nehmen Sie noch einen Drink.
Der Barman am "Lernen 4.0 -Tresen" mixt Ihnen eine Bloody Mary aus Worthülsen, Anglizismen und pseudophilosophischer Methodik.

Wie wir wissen, versucht die Weiterbildungsbranche seit einiger Zeit, den Anschluss an die industrielle Entwicklung (Stichwort Industrie 4.0) und die gesellschaftliche Entwicklung (Stichwort Generation Z) nicht zu verpassen. Vorsorglich eignet man sich gleich die Zählweise der industriellen Revolutionen an und postuliert das "Lernen 4.0". (siehe hierzu auch: Link)

Selbstverständlich bedarf so ein Postulat zur allgemeinen Anerkennung auch eigenen Kategorien, ja einer eigenen Begriffswelt. Schließlich will man "Digital Natives" ansprechen und nicht "out-fashioned" daherkommen. Das man sich erst später um geeignete Voraussetzungen, oder gar um Inhalte kümmern will, scheint dabei niemanden zu stören. Es siegt das Marketing über den Ingenieur:
Verpackung ist alles.

eduScrum (engl. education für "Bildung" und scrum für "[das] Gedränge").
Gruppen arbeiten als kleine, selbst-organisierte Einheiten welche von außen nur eine Richtung vorgegeben bekommen, bestimmen aber selbst, wie sie ihr gemeinsames Ziel erreichen. Die Lernenden bestimmen ihren eigenen Lernprozess. (siehe hierzu auch: Link)
Streit gibt es wohl nur noch darüber, ob man Flipchartpapiere "Flip" oder "Flap" nennen soll. (siehe hierzu auch: Link)

flipped classroom (engl. flipped für "ausgeflippt" und classroom für "Klassenzimmer").
Außerhalb der klassischen Unterrichtszeit (z.B. in sog. "Selbstlernphasen") wird vorbereiteter Stoff von den Lernenden möglichst selbständig eingeübt und diskutiert. Im Seminar selbst werden nur noch Fragen geklärt und kein neuer Stoff vermittelt. Das, wofür früher der Lehrer zuständig war, wird „outgesourct“ und youtube überlassen. (siehe hierzu auch: Link)

Hermeneutische Methode (altgriech. Hermeneutik für "erklären", "auslegen", "übersetzen").
Als alter Student der Philosophie würde ich Hermeneutik als Teil idealistischer Erkenntniswissenschaften bezeichnen. Eine Kunst zum Verständnis der Sprache der Götter. Oder anders gesagt: Die Fertigkeit zur Interpretation und die Fähigkeit, daraus ableitend, zu verstehen.
Mittlerweile gibt es wohl über 6 Definitionen zu Hermeneutik und kein einziges einheitliches System. (siehe hierzu auch: Link)

Nach über 30 Jahren aktiver Tätigkeit in der Aus- und Weiterbildung habe ich viele Methoden kommen und viele auch wieder verschwinden sehen. Hilfreiche Modelle haben sich dabei bewährt, ohne andere vollständig zu verdrängen. Neue Etiketten für "alte Hüte" haben jedoch noch nie zu einen Qualitätssprung geführt.

Mit meinen Teilnehmern habe ich heute deshalb ein klassisches, lernförderndes Seminar gestaltet.
Old School eben.

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