Auf der Suche nach dem Stein der Weisen

oder: Wie transponiert man den Nürnberger Trichter in das 21. Jahrhundert

Interessant war die ablaufende Woche allemal. Und spannend waren besonders die Meilensteine, die sich für künftige Wege gezeigt haben, sowohl privat als auch beruflich.

Die Woche fing damit an, dass ich nach über 8 Jahren fast täglicher Zusammenarbeit am Montag eine Einladung zu einem "Erstkontakt-Gespräch" erhalten habe. Besser spät als nie. Wie sich herausstellte stimmte letztlich doch die Überschrift. Denn der nette Kollege kannte mich wirklich nicht, da er noch nicht einmal zwei Monate dabei war. Leider musste er auf Rückfrage auch zugeben, dass er nicht einmal die Unterlagen gelesen hat, die er zuvor von mir abgefordert hatte. Halt doch ein Erstkontakt-Gespräch und zwar ein enttäuschendes.

Vielleicht hätte dem jungen Kollegen ein Blick in einen Leitfaden geholfen, der mir wenig später auf den Tisch geflattert ist. Ein Leitfaden für Selbstgesteuertes Lernen, welcher "Impulse und Anregungen zur kreativen Gestaltung" geben möchte. Kreativ sind darin auf jeden Fall die Unmenge an neuen Begrifflichkeiten für althergebrachte Lehrmethoden. Meine Lieblinge wie "Hackathon", "Flipped Classroom", "eduScrum" und "Hermeneutik" durften da natürlich nicht fehlen. Glücklicherweise griff der Leitfaden, als es dann um die praktische Umsetzung ging, wieder auf die bewährte 4-Stufen-Methode zurück. Ein weinendes Auge bleibt trotzdem, denn es wird postuliert, dass die größten Herausforderungen nicht in der Erreichung eines Lernzieles oder der Vermittlung von Inhalten liegen, sondern "in der Einstellung der Beteiligten".
Haben die Lernenden und Lehrenden eine positive Einstellung zum Selbstgesteuerten Lernen, so kommt der Rest wohl von ganz allein. :)

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, zwei Tage später ein Seminar bei einem der Autoren dieses Leitfadens zu besuchen. Schließlich beschäftige ich mich, gemeinsam mit Kollegen der Dualen Hochschule Gera, Kollegen der DATEV Bildungspartnerschaft, der Hochschule für Design und Informatik und vielen anderen schon seit vielen Jahren mit dem Thema neuer Lern- und Lehrmodelle.

Begonnen wurde die Veranstaltung des Autors mit der Behauptung: autonomes Lernen "wird [aber] nicht in den Schulen angewandt". Schlimmer noch. Alle Instanzen wie Kindergarten, Schule und Universitäten hätten nur ein Interesse, nämlich autonomes Handeln "zu verschütten". Lernende würden "abgerichtet" oder "konditioniert" werden, um zu funktionieren.
Wir (die glücklichen Teilnehmer dieser Veranstaltung) erhielten nun Wissen aus (ominösen) Geheimbünden, die man bei Montessorie oder an Waldorfschulen nur für sehr viel Geld erwerben könne.
Unseren "aufgerissenen" Augen und Ohren wurde dann ein Prozessflow präsentiert, welcher aus den Teilen Begrüßung - autonome Lernphase - Reflexion bestand. Völlig überrascht wurden wir durch den Hinweis, dass man bei Lernphasen die Strukturelemente Planung - Gestaltung - Durchführung inhaltlich füllen muss.

Leider kam der Veranstalter in den folgenden zwei Stunden nicht zur Fortsetzung seines Vortrages, denn es wurden erste Fragen geäußert. So zum Beispiel die überaus interessante Frage nach der Motivation und kognitiven Vorbereitung des Lernenden für das Selbstgesteuerte Lernen. Oder Fragen nach der organisatorischen Sicherstellung und Einbindung in einen straffen Lehrplan. Bis auf die Aussagen: "Die Teilnehmer werden sich selbst therapieren." oder der Dozent muss die Kindheitserinnerung des Teilnehmers an das autonome Lernen "nur herauskitzeln", blieb der Veranstalter eine Antwort schuldig. Wir, als Lehrende müssten nur "den Hintern hochkriegen". "Wir brauchen Coaches die YES sagen." und dann würden wir das innewohnende Geheimnis schon verstehen. Im Nachgang wurde uns noch eine pdf-Datei zum " Der Flow - Mihaly Csikszentmihalyi" übergeben. Dabei handelt es sich um eine unveränderte Textkopie einschließlich übernommenen Bildmaterial von der Webseite www.gluecksarchiv.de, welche gerne hier nachgelesen werden kann.

Ich für meinen Teil bin kein Freund von Wissen aus Geheimbünden oder der unreflektierten Übernahme von Webseiteninhalten. Und wie zu Zeiten, als sich Alchemisten auf die Suche nach dem Stein der Weisen begeben haben, sind auch wohl heute viele Scharlatane unterwegs.

Auch ohne nebelhafte neue Erkenntnisse aus der Gehirnforschung zur Synapsenbildung/Vernetzung habe ich in den letzten 5 Tagen Seminare durchgeführt, die meine Teilnehmer weiterbringen.

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