Die Kapitalisierung des Geistes (Teil I)

Der Beginn einer Streitschrift für "Freiheit und Einsamkeit" [Wilhelm v. Humboldt] des Lernenden.

"In der modernen komplexen Arbeitswelt ist Lernen und Weiterbildung zentral, um den Anschluss an neueste Entwicklungen und Veränderungen nicht zu versäumen. Dabei ist die digitale Medien- (und Informations-) Kompetenz heute eine wichtige Voraussetzung für das Lernen und Arbeiten der Zukunft, die weit über den reinen Wissenserwerb hinausgeht."
So die Plattform www.lerncockpit.de, welche uns [Trainer, Träger, Schulen] hilft "die richtige Transformationsstrategie für Ihre [unsere] Bildungsprozesse und Personalentwicklung zu definieren.".

Nach über 25 Jahren Tätigkeit in der Fort- und Weiterbildung  dieses Landes habe ich eine etwas abweichende Einstellung:

Je mehr der Wert des Wissens beschworen wird, desto schneller verliert das Wissen an Wert [9]
Was Moment der Persönlichkeit hätte werden sollen, was Ausdruck des geistigen Gehalts von Bildung war, wird zu einem äußerlichen, verdinglichten Informationspartikel, das, oberflächlich angeeignet, kaum noch ausreicht, einen sozialen Anspruch zu dokumentieren. [9]  

Sobald Roboter oder Rechner profitabler produzieren, verlieren die Menschen nicht nur ihre Arbeit. Als Investition in ihr Leben wird ihre Qualifikation wertlos. [50]

Nicht Halbbildung ist das Problem unserer Epoche, sondern die Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung, an der sich so etwas wie Halbbildung noch ablesen ließe. [9] Unbildung ist heute weder ein individuelles Versagen noch Resultat einer verfehlten Bildungspolitik: Sie ist unser aller Schicksal, weil sie die notwendige Konsequenz der Kapitalisierung des Geistes ist. [10]

Die Vereinfachung der Maschine, der Arbeit wird dazu benutzt, um den erst werdenden Menschen, den ganz unausgebildeten Menschen - das Kind - zum Arbeiter zu machen, wie der Arbeiter ein verwahrlostes Kind geworden ist. Die Maschine bequemt sich der Schwäche des Menschen, um den schwachen Menschen zur Maschine zu machen. [51]

Auch wer im digitalen Datenozean nach Informationen fischt, wird auf Anhieb nie wissen, ob das, was die Suchmaschine ausspeit, in einem sinnvollen Zusammenhang zu einer Frage steht. [15] Relativ sorglos wird deshalb auch in der politischen Rhetorik der Begriff Wissensgesellschaft dem der Informationsgesellschaft gleichgesetzt. [27]
Wissen ist mehr als Information. Wissen erlaubt es nicht nur, aus einer Fülle von Daten jene herauszufiltern, die Informationswert haben, Wissen ist überhaupt eine Form der Durchdringung der Welt: erkennen, verstehen, begreifen. [29] Im Gegensatz zur Information, die eine Interpretation von Daten in Hinblick auf Handlungsperspektiven darstellt, ließe sich Wissen als eine Interpretation von Daten in Hinblick auf ihren kausalen Zusammenhang und ihre innere Konsistenz beschreiben. [29]

Wissen existiert dort, wo etwas erklärt oder verstanden werden kann. [29]

"Wo man sie aber lerete und zöge in Schulen oder sonst, da gelerte und züchtige meister und meisterin weren, die da die sprachen un andere künst und Historien lereten, da würden sie hören ... für sich fassen, wie in eim Spiegel, daraus sie dem jren sinn schicken und sich in der welt laufft richten kündten .. Dazu witzig und klug werden ...und anderen danach raten und regieren." [60]
So Martin Luther 1524 in seiner Schrift an die Ratherren aller deutschen Städte.

Fast jede wissenschaftliche Disziplin ist mittlerweile durch öffentlichkeitswirksame Magazine und Zeitschriften vertreten, und über das Internet kann man sich von einfachen lexikalischen Zugängen bis zu komplexen Darstellungen alles herunterladen. [30] Möglich, daß gerade diese Leichtigkeit des Zugangs die Bildung von Wissen sabotiert. [30] Wissen bedeutet immer, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was und warum etwas ist. Wissen kann deshalb nicht konsumiert werden, Bildungsstätten können keine Dienstleistungsunternehmen sein, und die Aneignung von Wissen kann nicht spielerisch erfolgen, weil es ohne die Mühe des Denkens schlicht und einfach nicht geht. [31]

Von der Utopie eines freien und individuellen Zugangs zu den entscheidenden Ressourcen der neuen Gesellschaft bleibt nicht viel mehr als die Ideologie des lebenslangen Lernens. [33] Bleibt die übliche Zuflucht zu einem Anglizismus, an dem man keine negativen Konnotiationen wahrnimmt: lifelong learning. [33]

Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. [34 Aristoteles: Metaphysik]
Aber dieser Begriff von Weisheit ist nicht das Ziel des lebenslangen Lernens, weil dieses nämlich gar kein Ziel mehr kennt, sondern das Mittel selbst zum Ziel erklärt. [34]

Eine unmittelbare Konsequenz davon ist die Entfremdung des Menschen durch den Menschen.[52]
Neoliberal deklarieren wir dies als "Eigenverantwortung" mit der Konsequenz, dass sich jeder selbst der Nächste ist, Gemeinschaft und Gemeinsamkeit werden zu Konkurrenz und In-sich-Gekehrtheit.

Ein anderer, vor allem in der schulischen Grundausbildung weit verbreiteter Irrtum besteht darin zu glauben, man könne unnötigen Wissensballast abwerfen und sich einfach auf das Lernen des Lernens beschränken, um später dann alles mögliche lernen zu können. Aber es gibt kein Lernen ohne Inhalte.[35]
Der Begriff des Lernens setzt ein Etwas immer schon voraus. Dieses Etwas aber ist gegenwärtig keiner Idee von Bildung mehr verhaftet, sondern wird als permanente Leerstelle offen gehalten für die rasch wechselnden Anforderungen der Märkte, Moden und Maschinen. [35]

Es geht nicht um Lernen und schon gar nicht um Bildung. Es geht um Reintegration in ein bestehendes System. Empowerment dient der Auslese hinsichtlich Marktkonformität. Heutige "Lernkultur" hat nicht Wissen, oder dessen fehlende Bestandteile im Fokus, sondern den USP des Ausbildenden.

Worum es geht, ist: Lehrer lernen, wie man lehrt zu lernen, lebenslang zu lernen. Solche Ideologie der reinen, leeren Lernbewegung ist auch Ausdruck einer fundamentalen Unfähigkeit, überhaupt noch angeben zu können, was denn nun eigentlich gelernt werden soll. [36]  

Statt Bildung stehen Handlungskompetenzen und Selbstverantwortung im Fokus.  Das Erste für die Bedienung der Maschine, das Zweite zur Schuldzuweisung, wenn die Maschine mal nicht funktioniert. Ich glaube, Hegel hat diesen dramaturgischen Trick der Vernunft schon erkannt. Wie in seiner Kritik an Kant geht es auch hier nicht darum was gesagt wird, sondern darum, was nicht gesagt wird. Das damit sich heute Job- und Karrierechancen erhöhen, ist weniger verwunderlich, als systemimmanent.

Unter dieser Perspektive wird schnell klar, daß gegenwärtig nicht die Wissensgesellschaft die Industriegesellschaft ablöst, sondern umgekehrt das Wissen in einem rasanten Tempo industrialisiert wird. [39] Eher wäre von einer Zeit zu sprechen, in der die Unterwerfung des Wissens unter die Parameter einer kapitalistischen Ökonomie, die nur dort Wissen gegenüber freundlich agieren wird, wo dieses entweder unmittelbar verwertet werden kann oder zumindest kostenneutral nicht weiter stört, endgültig vollzogen wird. [48]

Unter diesen Bedingungen wird das Wissen selbst entmündigt. [49]

Die entfremdete Bildung macht also auch: das Gattungswesen des Menschen, ... zu einem ihm fremden Wesen, zum Mittel seiner individuellen Existenz. Sie entfremdet den Menschen seinem eigenen Geist. Das "Wissen der Menscheit" steckt angeblich im Internet und wächst auch noch expotentiell. Projizierte, ohne individuelle Deutung versehene, Information, archiviert in Datenbanken, gefiltert durch Suchmaschinen. Stillschweigend wird angenommen, dass mit dem Wachstum an Informationen auch das Wissen wächst.Dabei haben überhaupt nur 47,1 Prozent der Menschen einen Online-Zugang. Auch wenn man annehmen würde, dass all diese ihr Wissen im Internet teilen: Repräsentieren diese 47,1% das Wissen aller Menschen? Wissen sie, was DU weißt?

Nicht mehr ein Bildungsziel steht im Fokus, sondern die Re-Integration. Lernbegleiter, Schlüsseltrainer, Contentmanager und Pool-Autoren bestimmen über unser Wissen.
500 Jahre nach Martin Luther entfernen wir uns dermaßen von Bildung, trotz Technik, Forschung und Wissensgesellschaft, dass wir heute mit keiner Kultur des Altertums mithalten können.

Die Pyramiden trauen wir nur Außerirdischen zu, Leonardo da Vinci kam vom Mars und unsere Bildungsstrategien von den Vulkaniern.

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[1-49] "Theorie der Unbildung", Konrad Paul Liessmann, Piper-Verlag, 11. Aufl. 2016 (Hervorhebung vom Autor)
[50-ff]  MEW 40, 474 ff

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