Die schlesischen Weber und Die Flexibilisierung der Arbeit

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
   Wir weben, wir weben!

So die erste Strophe des Heine Gedichts "Die schlesischen Weber" von 1844. Es beschreibt die Situation der gesellschaftlichen Leistungserbringer vor einer großen Revolution in Deutschland (Märzrevolution 1848).
Der Verlust von Absatzmärkten, die Zunahme des Wettbewerbes, der Ausfall binnenländischer Nachfrage, die fortschreitende Industrialisierung mit ihren Billigprodukten verschärften die Situation. Die an die Weber gezahlten Löhne sanken kontinuierlich. Die Verleger [Auftraggeber] trachteten nach Profitmaximierung bzw. deren Erhaltung, die letztlich durch niedrige Produktionskosten erreicht werden sollte.

Die wirtschaftliche Situation der Weber war zum Ende des 18. Jahrhunderts katastrophal, vor allem weil sie nur teilweise in bar entlohnt wurden,  die Hälfte des Warenwertes mit Rohstofflieferungen aufgerechnet wurde und nicht selten zusätzlich noch eine Art Leasinggebühr für die vom Verleger im Wohnraum der Weber aufgestellten Webstühle zu zahlen war. Eine massenhafte Verarmung führte zwischen 1784 und 1844 vielerorts zu Unruhen, Revolten, Maschinenstürmen und letzlich auch zur Märzrevolution.

Schaut man sich heutige ökonomische  Gegebenheiten an, so findet man überraschende Deckungsgleichheit. Und auch heute spricht man wieder (zwar mit einem anderen Tonfall) davon, dass wir vor einer Revolution stehen. Industrie 4.0 für den produzierenden und Dienstleistungsbereich, Lernen 4.0 für das Bildungssegment. Es liegt mir fern, die prekäre Arbeitssituation und die Tapferkeit der aufständischen Weber mit dem heutigen "Wohlstands-Arbeitnehmer" zu vergleichen. Ebenso wenig ist wohl auch der damalige Fabrikant und gnadenlose Ausbeuter mit heutigen engagierten Unternehmen und ihren Sozialbilanzen vergleichbar. Trotzden sind gewissen Parallelen zur vorrevolutionären Situation nach den Weberaufständen 1844 deutlich sichtbar.

Flexibilisierung der Arbeitswelt ist heute das große Stichwort. Dabei werden Unternehmen flexibler, indem interne Prozesse unvermittelt an Marktanforderungen orientiert werden. Arbeitnehmer, von denen man gleiches Engagement verlangt, werden flexibler durch die Zulassung von variablen Arbeitszeiten, variablen Arbeitsorten und variablen Arbeitsaufgaben. Durch diese Zwangsanpassung auch des Arbeitnehmers an Marktanforderungen wird das ganze Beschäftigungsverhältnis variabel (sprich flexibel). Letzlich wird dieses ganz in Frage gestellt und man singt Lobeshymnen auf die Selbständigkeit. [das Scheitern der Ich-AG's haben alle schon wieder vergessen].

Manch ein sozialengagierter Arbeitgeber kommt im Tenor der Lobeshymnen gar auf die Idee, den "selbständigen Arbeitnehmer" zu erfinden. Wozu einen Arbeitsplatz bereitstellen, wenn dieser doch in das Wohnzimmer des Arbeitnehmers verlegt werden kann? Wozu Produktionsmittel [Computer, Schreibtisch, Stuhl, Regal, Bücher etc.] bereitstellen, wenn diese der Arbeitnehmer sich selbst kaufen kann? Wozu Kosten für Heizung, Sanitäranlagen, Strom, Internetanschluss übernehmen, wenn die Wärme eh vom Wohnzimmerofen kommt, sich in der Wohnung wohl eine Toilette befindet, der Arbeitnehmer eh früh sein Licht anschaltet und jeder Haushalt doch heute einen Netzanschluss hat?

Vorgegebene Deckungsbeiträge und Renditen sind zu realisieren. Und wenn man den Großteil der Fixkosten und deren Deckung dem Arbeitnehmer überläßt, so verspricht dies Traumrenditen.

Es sind heute keine Webstühle, sondern Computer, Notebook, Handy. Es sind heute keine Verleger, sondern Auftraggeber und Unternehmen die auf Flexibilität, Selbstkompetenz und Digitalisierung setzen. "Das Leben kann im flexiblen Kapitalismus mit einem Würfelspiel verglichen werden." schreibt Vera Schindler in ihrem Buch. Leider sind diese Würfel wohl gezinkt.

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
   Wir weben, wir weben!

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